in Kommentar

»Vinyl klingt besser«, »Digital macht weniger Probleme«, »Platten sind schwer, nehmen viel Platz ein und sind teuer«, »Digital ist nicht real«.
Das sind alles Sätze, die immer wieder in der wohl niemals endenden Diskussion um die Vor- und Nachteile von Vinyl vs. Digital-DJing auftreten. Die Liste kann unendlich lang weitergeführt werden. Aber wieso eigentlich die ganze Aufruhr darum? Ich muss zugeben, dass ich bei diesem Thema etwas voreingenommen bin, da ich riesige Vinylliebhaberin bin und eigentlich auch nur Vinyl auflege, aber gut, ich werde versuchen objektiv zu bleiben!

Ein kurzer Exkurs in die Geschichte des Mixings

Die Geschichte des Mixing begann schon Mitte der 1940er Jahre im nordenglischen Leeds. Ab Mitte der 60er Jahre begannen die ersten DJs, sich von der Funktion des reinen Plattenauflegers zu emanzipieren, indem sie durch das gleichzeitige Mixen mehrerer Stücke neue Musik erschafften. Mit der aufkommenden Disco-Welle der 1970er veränderten sich dann die Techniken der DJs; statt Ansagen, die vorher in den Mixen vorkamen, wurden diese durch rhythmische Elemente ersetzt und so entstanden die ersten Club-Mixe, die letztendlich eine verlängerte Form der Songs waren- die Form des Mixens, die auch in der heutigen elektronischen Musik gängig ist. Wichtig zu erwähnen ist auch der Einfluss des Hip-Hops, der letztendlich einer der größten Einflüsse des Turntablisms darstellt. Der eigentliche Lauf des Beatmatchings etc. wie wir es heute noch kennen, begann jedoch erst Mitte der 1990er Jahre. In diesem Beitrag will ich mich jedoch nicht im Wesentlichen mit der Geschichte des Mixings befassen.

Vinyl bleibt Handarbeit!

Es wird wohl nicht unbedingt rational begreiflich sein, weshalb einige, und es werden glücklicherweise wieder mehr, zu Vinyl greifen. Und genau das hat einige sehr passende Gründe: Vinyl, im Gegensatz zu digitaler Musik, ist greifbar. Allein durch das Physische der Schallplatte gibt es etwas anzufassen. Musik ist so gesehen besitzbar, auf eine gewisse Art und Weise lebendig. Die Platten, und somit auch die Musik, enthalten für die besitzende Person eigene sehr prägnante Geschichten und genau das macht es vermutlich aus. Nicht nur, dass es viele als „realer“ sehen, also aus dem Aspekt des Beatmatchings, als auch dem des Könnens, eben nicht nur „Knöpchen“ zu drücken. Fragt man eine*n Vinyldj oder Sammler*in, so wird er*sie seine persönliche Geschichte dazu erzählen, welche Platte er*sie als erstes erwarb, welche zu den absoluten Favorites gehört und diese deswegen auch schon unglaublich viele Abnutzungsspuren hat etc. Vinyl kann also als Art Artefakt gesehen werden, da es ein Objekt der Erinnerung ist.

Wenn explizit nach Vinyl gesucht wird, wird die Musik darauf um einiges Wertvoller, da eben nicht mal schnell auf Beatport 50 Tracks gekauft werden, die am Ende doch nur in der Schublade der unbenutzten Ordner landen und nie wieder Gehör finden. Und um genau dem etwas entgegen zu setzen ist es von enormer Wichtigkeit, die Existenz des Vinylmixing zu erhalten! Leider halten viele Veranstalter und vor allem Clubbesitzer nichts davon, was sich dann durch schlechtere Soundqualität bei Vinyl- oder einfach keiner Bereitstellung von Plattenspielern zeigt.

Eine kleine Anekdote hierzu: Ein Bekannter, der ebenfalls eigentlich nur Vinyl auflegt, „musste“ gezwungenermaßen auf einer Party mit Usb-Sticks auflegen, da entweder die Veranstalter oder die Clubbesitzer nicht in der Lage waren Turntables bereitzustellen (wohlgemerkt, in einem der renommiertesten Clubs Kölns). Und genau durch diese, ich nenne es mal nicht ganz ernst gemeint, „Diskriminierung“ von Vinyl-DJs wird der Ruf dieser auch nicht besser. Dabei liegt es schlicht und ergreifend an den Personen, die die Technik bereitstellen, dass eben nicht die billigsten Nadeln, verbogene Systeme und Arme, verschmutzte- und ekelig verdreckte Kontakte von Arm zu System (weil alle mal ihre Spucke hinterlassen haben und den Kontakt zu erleichtern, was übrigens über die Jahre Systeme und Arme vollkommen unbrauchbar macht) verwendet werden. Die Liste ist endlos weiter zu führen. Eine andere Mitschuld tragen jedoch zu einem gewissen Teil auch die Clubbesitzer, die durch wackelige, alte Bühnen, Pulte oder was auch immer eine schlechte Erdung der Turntables verursacht und somit mit aufgeschnittenen Tennisbällen oder Schwämmen ausgeglichen werden muss, was, wie man sich schon denken kann meistens nur mäßig funktioniert, sodass am Ende doch wieder der Sound leidet.

Digital-DJing- eine Revolution?

Wird auf der anderen Seite das Digital-DJing betrachtet, so gibt es einige erhebliche Vorteile. Nicht nur, dass digitales Mixing dank günstiger Technik mittlerweile für einen Hunderter schon möglich ist (was aber auch einen Nachteil mit sich bringt, da so „jeder DJ sein kann“), schnelleres- und genaueres Mixing durch Cue’s etc., keine Tonnen an Platten die transportiert werden müssen und, was mein persönlicher Favorit ist: unveröffentlichte oder nicht auf Vinyl gepresste Tracks, die so natürlich gespielt werden können. Wildcard communications schreibt dazu sehr passend: „Auf das rein Handwerkliche am DJ-Tum bezogen, haben die Kritiker natürlich nicht unrecht. Es stimmt – müssen DJs, die noch mit Vinyl-Platte und dem legendären Technics SL-1210 auflegen, die zwei Songs per Hand anschieben und die Platten per Gehör angleichen (Beatmatching), „drückt der Digital-DJ die Sync-Knöpfe“ und schon laufen die beiden Tracks synchron. Derlei Analysen treffen aber nur auf DJing zu, das im klassischen Sinne betrieben wird. Dabei wird einfach die klassische Variante auf die moderne Technik übertragen – ein Fehler, denn Digital DJing ist in Vollendung „Controllerism“. Und hier ist Beatmachting eigentlich nicht mehr notwendig.“  Und genau das legitimiert auch die Diskreditierung des reinen „Knöpfchendrückers“, der, statt den vielzähligen neu zu nutzenden Methoden des Digital-DJings, weiterhin einfach nur 2 oder auch 3 Tracks gleichzeitig ineinander mischt.

Weitere Nachteile jedoch, die mit einer Vielzahl an generellen Nachteilen von digitalen „Instrumenten“ verglichen werden können, sind auch nicht ganz unerheblich. Hierzu eine weitere kleine Anekdote: Ein Bekannter der auf einer Party auflegen sollte, erzählte mir, als ich ankam total aufgebracht, dass seine Usb-Sticks nass- und somit unbrauchbar geworden sind (zum Glück konnte er noch schnell nach Hause fahren um seinen Laptop- und neue Usb-Sticks zu holen, trotzdem war es ein riesen Ärger). In diesem Fall ging alles gut, jedoch kann an Technik so unglaublich viel kaputt gehen, dass im schlimmsten Fall die komplette Musik auf dem Laptop, der Externen Festplatte oder wo auch immer zerstört werden kann, sodass auch die ganze, über Jahre/ Jahrzehnte gesammelte digitale Musik einfach weg ist. Das kann bei Vinyl, außer durch einen Brand oder einen Diebstahl nicht passieren. Weitere negative Eigenschaften sind unter anderem Probleme mit der Softwarekompatibilität (Hosts, Treiber, Plug-Ins etc.), als auch die Softwareaktualisierungen, die regelmäßig vollzogen werden müssen. Der jedoch wichtigste Punkt für mich ist das „Musikalische“ an sich. DJs, die digital auflegen, neigen stark dazu, sich nur noch visuell zu orientieren, ohne dabei auditiv zu kontrollieren. Wer hat sie nicht schon mal gesehen, die DJs, die ihre Kopfhörer eigentlich nur noch als Accessoire benutzen.

Westbam hat sich dazu sehr passend geäußert: „Tatsächlich hat das digitale DJing die DJ-Kultur umgewälzt wie keine andere Entwicklung in der Geschichte. Das DJ-Spiel hat sich vollkommen verändert. Merkmale wie die Musikselektion müssen ganz anders gewertet werden, wenn durch das Internet z.B. selbst im hintersten Winkel Kasachstans DJs genau auf die gleiche Musikauswahl zurückgreifen können. Aber auf der anderen Seite ist eins gleich geblieben: Man muss wissen, wie und mit welchen Mitteln man einen Laden rocken kann. Das ist die Konstante!“

Was jetzt nun?

Da der Streit zwischen Vinyl und Digital niemals aufhören wird, kann wohl abschließend zusammengefasst werden, dass alle die gleichen Ziele haben: Musik und gute Parties. Woher die Musik am Ende Kommt, ob von Vinyl oder Usb-Sticks ist egal, wenn das Endresultat begeistert und du Spass an der Sache hast.

Philo
SoundCloud

Ein Artikel von

Bitte warten...

Kommentar schreiben…

Kommentar

  1. Stabiler output! Ich hätt noch hinzugefügt das der Vinyl-DJ seine Platten besser kennt, alleine durch die Tatsache das die Auswahl dann beschränkter ist 😉 Dann weiss man was zu einander passt, experimentiert mehr mit dem was man hat, anstatt täglich frisch gesaugte Tracks von Beatport aufzulegen. Ich find eine Platte rutscht erst so richtig gut rein wenn man sie 10x mal durchgezockt hat, den Aufbau kennt, und seinen Drop genau dann schiebt wenns am besten passt anstatt bei 1:27 oder 0:57 😉 Besten Gruß aus Berlin! Mathias

    Bitte warten...